Joachim Schumacher



Geboren 1950, studierte in Essen an der Folkwangschule, arbeitet und lebt in Essen. Bitte fragen Sie in der Galerie nach dem aktuellen Lebenslauf.

Born 1950, studied in Essen at the Folkwangschool, works and lives in Essen Germany. Please ask the gallery for the updated CV.

Pressetext / Press Release  - Joachim Schumacher

Pressetext / Press Release - Das Gebiet



Fabian Lasarzik
Ich will in der Wirklichkeit leben

(…) Erst um 1930 hatte sich der Begriff Ruhrgebiet etabliert, der keine geografische oder verwaltungstechnische Bezeichnung impliziert, sondern sich eher verstehen lässt als dem Einzugsgebiet der Ruhr bzw. eigentlich eher der Emscher zugehörig. Das Ruhrgebiet scheint eher eine „gefühlte“ Region zu sein, die die Menschen verbindet. Diese Gemeinsamkeiten in ihren mikro- und makroartigen Erscheinungen und Überschichtungen sind es, die Schumacher als Chronist und Künstler dokumentiert.
Joachim Schumachers Bilder sind geprägt durch eine dokumentarische Herangehensweise, sein Sujet ist eher die Landschafts- als die Stadtfotografie. Die Motive sind Industriebrachen in ihrer charakteristischen Mischung aus Naturresten und Industrierelikten. Die Stadt mit ihren Straßen und Häuserzügen, die vom schnellen Wechsel in ihren Nutzungen geprägt ist, fotografiert er in ähnlicher Weise. Die Bilder sind stets fast menschenleer, im Grunde wirken sie wie ausgestorben, das diffuse, immer gleiche Licht tut ein Übriges. Die von Menschen massiv veränderte Landschaft wirkt wie freigestellt, sachlich, etwas distanziert. Viele Ansichten bestechen durch eine Art absurde Tristesse mit zahllosen Satellitenschüsseln, jeder Menge grauem Beton und billigen Plakaten neben der Fassade eines Wettbüros.
Die Bilder sind oft an der Grenze zur Satire, dennoch verleiten sie nicht zum Lachen. Aber der Betrachter erschrickt auch nicht angesichts der Tristesse. Den Bildern ruht eine eigentümliche Würde, ja Schönheit des Wirklichen inne. Ihre Kraft beziehen sie u. a. aus der Tatsache, dass sie sich gekonnt und selbstbewusst den Suggestionen jener Fotografie entgegenstellen, die vom Stadt- und Regionalmarketing in Auftrag gegeben werden. Auf diese Weise befriedigen Schumachers Bilder vielleicht auch eine Sehnsucht nach dem Echten und Authentischen. Seine Motive sucht er übrigens mit dem Fahrrad, immer da „wo Menschen alltäglich leben“. Es ist eine bemerkenswerte Unaufgeregtheit in Schumachers Bildern, eine Gleichmut ohne Gleichgültigkeit. Eine fast kontemplative Stimmung, was seine teils schnurgeraden Fluchten (etwa bei den Emscherkanal-Bildern) oder die weiten Perspektiven unterstützen. Schumacher ist ganz Chronist und dieser Rolle fühlt er sich verpflichtet. Ihm geht es darum, möglichst authentisch zu sein. Seine sehr überlegten Bilder sind wohlproportioniert, nicht hässlich, nicht schön. Eher zeigen sie eine innere „Normalität“, die die Heimat des Fotografen als eine „Von dieser Welt“ beschreibt. Nicht im Sinne von „Woanders ist auch scheiße“, eher im Sinne von „Endlich so wie überall“. Aber auch das wird den Bildern nicht gerecht, denn sie haben eine innere Autorität dadurch, dass sie ohne semantischen Überbau authentisch wirken. Es ist klar, dass Fotografie nicht Wahrheit ablichten kann, doch für den Fotografen ist diese Disziplin „näher dran“. Schumachers Bilder bilden Wahrheiten ab, die Konsens sein dürften, wenn es um Orte „Von dieser Welt“ geht: Orte im ständigen rasanten Umbruch. Orte, die beständig Überformungen ausgesetzt sind und wenig mit gestaltetem Stadtbild zu tun haben, bei aller Profanität dennoch Heimat sind. Auffällig ist – und hier erkennt man den Experten, der sich 40 Jahre lang intensiv mit der Region beschäftigt hat -, dass er bei der Auswahl der Motive auf eine repräsentative Mischung der das Ruhrgebiet kennzeichnenden Ansichten achtet. Dazu gehören typische Materialien wie Beton und Asphalt, Grünflächen wie Rasen, Bäume und Sträucher, Verkehrswege wie Schienen und Straßen sowie die Fassaden und Fördertürme ehemaliger Industrieanlagen. Schumacher ist Fachmann für eine Ikonografie dieser Landschaft. „Fotografie muss sich stärker an der Wirklichkeit orientieren, sonst schwimmt sie mit der Malerei“, sagt er. So kommt es auch nie zu Überbetonungen, die auf starke Effekte zielen. Alles bleibt nüchtern und in dieser Nüchternheit steckt Poesie. Wie ein Archäologe legt Schumacher Zeitschichten frei. (…) Man muss an dieser Stelle betonen, dass Farbfotografie eine andere Herausforderung für Joachim Schumacher darstellt als die ihm bis dahin so vertraute Schwarz-Weiß-Fotografie. Farbe ist echter, Farbe ist Emotion, sie ist viel schwerer beherrschbar und lenkt schnell ab vom Wesentlichen. Anders als die Struktur und die Form ruft die Farbe stärkere Emotionen hervor – für Fotografen gilt es, dies in den Griff zu bekommen und der Farbe nicht zu viel Gewicht zu geben. An den Farbaufnahmen Schumachers wird deutlich, wie gekonnt er diese Herausforderung angenommen hat. Man fragt sich, warum Schumacher als bekennender Chronist nicht schon früher die Farbfotografie für sich entdeckt hat, zumal man sich nicht vorstellen kann, dass er den Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus sentimentalen oder rein ästhetischen Gründen den Vorzug gegeben hat. Die Antwort darauf ist recht banal: Erst ab den 1990er Jahren konnten farbstabile Vergrößerungen angefertigt werden, die sich auch während der Archivierung nicht veränderten. Zu dieser Zeit etwa begann Schumacher Großbilder in Farbe zu produzieren.
Schumachers Bilder lassen den Betrachter anhand der öffentlichen und halböffentlichen, jedoch nie privaten Ansichten die Spuren, welche Geschichte und Gegenwart in die Region gegraben haben, ablesen. Das gleichzeitige Vorhandensein von Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem zeigt sich in einer für die Region eigentümlichen Mischung. Dies spiegelt sich in allen Bildern wider, die einerseits von großen stadtplanerischen Umgestaltungen zeugen, aber auch individuelle, teils improvisierte bauliche Eingriffe wiedergeben. So entsteht beinahe der Eindruck einer etwas behelfsmäßigen Gemütlichkeit, die Individualität, Menschlichkeit und eine Art tiefere Schönheit offenbart – wie ein kleines inhabergeführtes Geschäft mit individueller Beschilderung inmitten eines großen Einkaufszentrums. Letztlich wird darin deutlich: Das Fotografierte ist das Ergebnis menschlichen Handelns in vielen Ausprägungen, vom großen ökonomischen Entwurf oder dem kleinen, individuellen, improvisierten Geschick. Die Atmosphäre seiner Bilder ist – wie bei anderen Werken der Kunst – nichts anderes als der verdichtete Inhalt menschlichen Wirkens
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Fabian Lasarzik © aus „Von dieser Welt“, Buchkatalog, Verlag Kettler, 2014 zur Ausstellung Stiftung Zollverein.



Fabian Lasarzik
I want to live in the real world

(…) The concept of the Ruhr Region did not become established until around 1930. It is not a geographical or administrative term, but refers to the watershed of the Ruhr or more properly of the Emscher. The Ruhr region seems to be more a “perceived” region that connects people. It is these commonalities in their micro- and macro-like aspects and stratifications that Schumacher documents as chronicler and artist.
Joachim Schumacher’s paintings are characterized by a documentary approach; his subject is more landscape than urban photography. The motifs are brownfields in their characteristic blend of remnants of nature and industrial relics. He photographs the city with its streets and rows of houses, characterized by rapid changes in their use, in much the same way. The pictures are always almost unpeopled, they seem deserted, basically, and the diffuse, unchanging light adds to this impression. The landscape has been dramatically altered by humans and appears detached, sober and somewhat distant. Many views are striking for their preposterous dreariness, with their innumerable satellite dishes, with lots of grey concrete and cheap posters next to the facade of a betting shop.
Though often bordering on satire, the pictures do not incite laughter. However, the viewer is not appalled by the sadness. A peculiar dignity, indeed a kind of beauty of the real inhabits the images. They get their power in part from the fact that they skilfully and confidently resist the suggestions of the photographs commissioned by the city and regional marketing agencies. Perhaps in this way Schumacher’s pictures satisfy a longing for the real and authentic. He goes looking for his motives on his bike, by the way, wherever “people live their ordinary lives” There is a remarkable calmness in Schumacher’s pictures, an equanimity without indifference. An almost contemplative mood that is sustained by his in some cases absolutely straight alignments (as in the Emscherkanal pictures) or the broad vistas. Schumacher is a consummate chronicler and he is committed to that role. His aim is to be as authentic as possible. His carefully considered pictures are well-proportioned, neither ugly nor pretty. Instead they show an inner “normality” that describes the home of the photographer as “of this world”. Not in the sense of “everywhere else is just as bad” but rather in the sense of “finally like everywhere else”. But even that does not do justice to the pictures, because they have an inner authority in that they seem authentic even without a semantic superstructure. It is clear that photography cannot copy truth, but for the photographer this discipline “comes closer”. Schumacher’s pictures depict truths that are likely to be consensus when it comes to places “of this world”: places in continuous rapid change. Places that are constantly exposed to deformations and have little to do with a framed city landscape, and yet, despite all profanity, are home. It is striking-and here you can see the expert who has dealt extensively with the region for 40 years- that when choosing his motifs he is careful to ensure a representative mix of the views characteristic of the Ruhr region. These include typical materials such as concrete and asphalt, green areas such as lawns, trees and shrubs, traffic routes such as rail and roads and the facades and shaft towers of former industrial plants. Schumacher is a specialist in the iconography of that landscape. “Photography must focus more on the real, otherwise it swims with painting,” he says. So there are never any overexposures meant to achieve strong effects. Everything remains sober, and there is poetry in that sobriety. Like an archaeologist. Schumacher exposes layers of time. (…) It should be stressed at this point that colour photography meant a different challenge for Joachim Schumacher than the black and white photography that he was previously so versed in. Colour is more real, colour is emotion, it is much harder to control and quickly distracts one from the essence. Colour evokes strong emotions, unlike structure and form, and the photographer has to keep them under control and not give too much weight to the colour. Schumacher’s colour photographs show how skilfully he has taken up that challenge. The question is why Schumacher as a professed chronicler did not discover colour photography earlier, especially since it is hardly imaginable that he would have given preference to black and white photographs for sentimental or purely aesthetic reasons. The answer is quite trivial: it was not until the 1990s that colour-fast enlargements could be made, ones that would not change colour when archived. It was around that time that Schumacher began to produce large images in colour. Schumacher’s pictures allow the observer to read from the public and semi- public, but never private views the marks that past and present have left on the region. The concurrent existence of past, present and future is revealed in a mixture peculiar to the region. This is reflected in all the pictures, which bear witness to major urban transformations while also showing individual, to some extent improvised construction works. This almost creates the impression of a somewhat makeshift, coziness, revealing a kind of deeper beauty, individuality and humanity - like a small owner-operated business with individual signage in the middle of a large shopping mall. Ultimately it shows that what is photographed is the result of human activity in many forms, from the great economic design to the small, individual, improvised feat of skill. The atmosphere of his pictures-as with other works of art-is the condensed substance of human activities and nothing else.

Fabian Lasarzik © aus „Von dieser Welt“, Buchkatalog, Verlag Kettler, 2014 zur Ausstellung Stiftung Zollverein
Translation by Peter Doherty

Von dieser Welt
Cities
Frühe Arbeiten / Early Works
Industrielandschafen / Industrial Landscapes
Kirche in der Stadt / Church in the City
Rheinbraun

Joachim Schumacher - Herten-Süd-Berghalde - 2005 - 40,5 x 80,5 cm
Joachim Schumacher: Herten-Süd-Berghalde - 2005 - 40,5 x 80,5 cm


Joachim Schumacher Rheinbraun
Joachim Schumacher: Rheinbraun


Joachim Schumacher: Cities
Joachim Schumacher: Cities


Joachim Schumacher: Frühe Arbeiten / Early Works
Joachim Schumacher: Frühe Arbeiten /  Early Works


Joachim Schumacher: Industrielandschafen / Industrial Landscapes
Joachim Schumacher: Industrielandschafen / Industrial Landscapes


Joachim Schumacher: Kirche in der Stadt / Church in the City
Joachim Schumacher: Kirche in der Stadt / Church in the City